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Beispiele

 

Claudia und Thomas (Namen geändert) sitzen bei mir im Behandlungszimmer. Claudia hat mich gestern angerufen und um einen „Notfalltermin“ gebeten. Sie ist fix und fertig, weil sie vor wenigen Tagen erfahren hat, dass Thomas sie betrogen hat. Dieser war für drei Monate auf Montage in Dresden und hat dort eine Frau kennen gelernt. Aufgekommen ist die Sache dadurch, dass er auch von zu Hause aus per SMS den Kontakt noch aufrechterhalten hat.



Mitunter einer der häufigsten Auslöser für eine akute Ehekrise ist das Fremdgehen eines der Partner. Für viele Betrogene kommt die Erkenntnis wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel, andere hegen längere Zeit den Verdacht, suchen heimlich nach Indizien und spionieren eifersüchtig dem Partner/der Partnerin nach, bis der Betrug endlich zur Gewissheit wird. Die erste Schockreaktion zeigt sich in tiefer Verletztheit, akutem Vertrauensverlust, Ohnmachtsgefühlen und Gedanken an Trennung. Vorwürfe und Anklagen, Trotzreaktionen und Rückzug, endlose Auseinandersetzungen und Schuldzuweisungen sind die Folge.

Alles kreist um die Frage: „Warum hat er/sie mir das angetan?“
Der Betrug wird als Beginn der Ehekrise angesehen. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch meist heraus, dass in der Ehe schon lange einiges schief gelaufen ist. Wesentliche Bedürfnisse eines Ehepartners (oder auch beider) wurden auf Dauer nicht mehr erfüllt.

Claudia und Thomas sind seit zehn Jahren verheiratet. Sie haben sich nichts sehnlicher gewünscht als eine Familie zu gründen und für sich und die Kinder ein gemütliches Heim zu schaffen. Alles lief wie geplant. Sie haben zwei gesunde, aufgeweckte Kinder (sechs und vier Jahre) und ein schönes Haus. Thomas arbeitet hart, um der Familie ein gutes Leben bieten zu können. Claudia versorgt Kinder und Haushalt und geht an drei Vormittagen in der Woche arbeiten. Beide sind voll ausgelastet und das Familienleben funktioniert.
Und dann dieser Schock. Wie konnte das passieren?
Für Claudia ist eine Welt zusammengebrochen. Warum hat Thomas ihr das angetan? Kann sie diesem Mann jemals wieder vertrauen? Liebt er sie überhaupt noch? Kann sie ihn nach dieser Verletzung überhaupt noch lieben? Ist es vielleicht besser, wenn sie sich trennen?
Thomas ist schuldbewusst, sieht ein, dass er eine Dummheit gemacht hat. Er liebt seine Familie und wünscht sich, dass seine Frau ihm verzeihen kann. Und trotzdem bereut er nicht, was er getan hat, denn es hat ihm so gut getan.
Seit der Geburt des zweiten Kindes hat Thomas sich von seiner Frau nicht mehr beachtet gefühlt. Sie war nur noch für die Kinder da. Im Bett lief auch nicht mehr viel. Claudia ging es ähnlich. Sie hatte das Gefühl, von Thomas nicht genügend Anerkennung zu bekommen für das, was sie den ganzen Tag leistete. Lust auf Sex hatte sie da schon gar nicht mehr. Beide waren perfekte Eltern, aber als Paar hatten sie sich auseinandergelebt.
Genau in diese Lücke passte die Frau in Dresden. Sie gab Thomas das Gefühl, auch noch ein begehrenswerter Mann zu sein. Nach anfänglichen Gewissensbissen konnte er dem nicht mehr widerstehen.
Thomas genoss diese Zeit, aber dann kehrte er wieder zu seiner Familie zurück. Die wollte er ja auch nicht verlieren. Aber durch sein Abenteuer wurde ihm erst richtig bewusst, was er zu Hause vermisste.

Claudia sah zunächst nur den Vertrauensbruch und ihre eigene Verletzung. Aber im Verlauf unserer Gespräche wurde ihr bewusst, dass auch Thomas in den letzten Jahren viele Verletzungen erlitten hatte und dass sein Verhalten zumindest für sie verstehbar wurde. Und ihr wurde klar, dass auch sie viele eigene Bedürfnisse zurückgesteckt hatte und sich nur noch auf ihr Muttersein zurückgezogen hatte. Sie brauchte zwar einige Zeit, um die Verletzung durch den Betrug zu überwinden, aber nachdem beide sich entschlossen hatten, sich von gegenseitigen Schuldzuweisungen zu verabschieden und einen Neustart ihrer Paarbeziehung zu wagen, konnte sie Thomas verzeihen.

 

 

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Copyright 2011 Dipl. psych. Ingeborg Prändl