Grundsätzliche Probleme in Partnerschaften

Gegensätze ziehen sich an - und trennen

Oft hört man von Paaren, die seit 20 Jahren oder länger zusammen sind: "Wir passen einfach nicht zusammen, wir sind zu unterschiedlich."
Wie kann das sein? Haben die Partner so lange gebraucht, um das herauszufinden? Hat sich einer der Partner (oder beide) im Laufe der Jahre so stark verändert? Das alles ist möglich.
Wahrscheinlicher ist jedoch folgende Erklärung.

Es beginnt bereits mit der Partnerwahl. Meist wirkt ein potentieller Partner besonders anziehend, wenn er Persönlichkeitseigenschaften hat, die man selbst nicht hat. Eine eher ruhige, schüchterne Frau fühlt sich hingezogen zu einem selbstbewussten, geselligen Mann (und umgekehrt). Ein zärtlicher, Nähe suchender Mann ist fasziniert von einer eher kühl-distanzierten Frau. Der Partner kann Defizite der eigenen Persönlichkeit ausgleichen. Er gibt einem das Gefühl, in der Beziehung vollständig zu sein. "Wir ergänzen uns wunderbar" kann man von verliebten Paaren oft hören. Und es funktioniert auch. Die Andersartigkeit des Partners wird bewundert, seine Stärken werden geschätzt. Jeder Partner ist in der Beziehung für das zuständig, was er besser kann, und beide profitieren davon.
In Lauf der Jahre wird die Unterschiedlichkeit aber immer mehr zur Last. Die gegensätzlichen Rollen verhärten sich immer stärker. Als Beispiel: Der nähe-suchende Partner wird immer klammernder, der distanzierte immer abweisender, was immer mehr zu gegenseitigen Vorwürfen und Konflikten führt. Je mehr der eine Nähe sucht, desto mehr geht der andere auf Distanz, und umgekehrt. Man lebt sich immer mehr auseinander und kommt schließlich zu dem Schluss: Wir sind einfach zu unterschiedlich.

 

Eigene Unzufriedenheit wird dem Partner angelastet

Bedürfnis und Ziel jedes Menschen ist es, zufrieden und glücklich zu sein und seinen Vorstellungen entsprechend leben zu können. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Das gilt gleichermaßen für Singles wie für Menschen, die in einer Partnerschaft leben. Doch leider ist es eine typisch menschliche Eigenschaft, andere dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas im eigenen Leben nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt.
Vor allem der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt (Wechseljahre, Auszug der Kinder, Ruhestand) oder eine einschneidende Veränderung der Lebenssituation (Umzug, Arbeitsplatzwechsel, Tod oder Pflegebedürftigkeit eines Elternteils) ist häufig verbunden mit Unsicherheiten, Ängsten und Frustrationen. Man fühlt sich genervt, überfordert, unter Druck gesetzt. Das führt zu wachsender Unzufriedenheit mit sich selbst und dem derzeitigen Leben. Oft hat man selbst keine Erklärung für diesen unangenehmen Zustand. Da ist es naheliegend, den Partner/die Partnerin für diese Misere verantwortlich zu machen. Er/sie unterstützt einen zu wenig. Er/sie hat nur andere Interessen. Er/sie versteht einen nicht. Die ständigen Vorwürfe führen dazu, dass der andere sich noch mehr zurückzieht. So vergrault man sich gerade den Menschen, der einem am nächsten steht und auf dessen Hilfe man früher einmal bauen konnte. Doch mit Vorwürfen und Anschuldigungen erreicht man genau das Gegenteil und fühlt sich dadurch selbst auch nicht besser.

 

Der Partner muss sich ändern

Man kann einen anderen Menschen nicht verändern. Und je mehr man versucht, ihn zu verändern, und Druck auf ihn ausübt, umso stärker widersetzt er sich der Forderung, entweder durch Gegendruck oder Rückzug. Das ist ein Naturgesetz.
Und trotzdem versuchen so viele Menschen, mit Vorwürfen, Forderungen, ja sogar Drohungen ihren Partner/ihre Partnerin zu verändern, um ihn/sie einem Ideal näher zu bringen, das ihren Vorstellungen entspricht.
Man kann nur sich selbst, seine eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen verändern. Und je überraschender diese Veränderung für den anderen ist, umso mehr wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der andere sich auch verändert, denn er muss ja irgendwie auf die veränderte Situation reagieren. Und häufig ist es genau das Verhalten, das man vorher durch Druck und Forderungen vergeblich zu erreichen versucht hat. Der entscheidende Unterschied ist, dass der Partner jetzt freiwillig, von sich aus, handelt - das ist nunmal ein Grundbedürfnis jedes Menschen.

 

Mangelnder Respekt

Jeder Mensch will respektiert werden und Wertschätzung erfahren. D.h. seine Fähigkeiten und Leistungen sollen anerkannt, seine Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche ernst genommen und sein Einsatz und Engagement gewürdigt werden. Das gilt besonders in Paarbeziehungen. Doch leider geht in langjährigen Partnerschaften die gegenseitige Wertschätzung häufig mit der Zeit verloren. Routine, eingefahrene Rollenverteilung und Alltagsstress führen dazu, dass der Einsatz und die Leistungen, die jeder für die Beziehung erbringt, zur Selbstverständlichkeit werden und scheinbar keiner Erwähnung mehr bedürfen.

 

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