Ein ganz normaler Lebenslauf

Ein Beispiel

„Wir sind jetzt seit 18 Jahren verheiratet. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Wir haben uns ein Haus gebaut und uns einen ordentlichen Wohlstand geschaffen. Eigentlich sollten wir glücklich sein, aber irgendwas passt nicht mehr. Alles ist Gewohnheit, Langeweile. Jeder tut seine Pflicht, aber wir reden kaum mehr miteinander. Wir streiten uns über Kleinigkeiten. So können wir nicht miteinander weiterleben.“

Solche und ähnliche Sätze höre ich häufig in meiner Praxis. Es sind keine Einzelfälle. Im Gegenteil: Ich denke, dass es eher die Ausnahme ist, wenn ein Paar im Laufe einer langjährigen Ehe nicht irgendwann an diesen Punkt kommt.

Heirat
Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Der Überschwang der Verliebtheit idealisiert den Partner/die Partnerin. Wenn sich der erste Hormonschub gelegt hat und man den Partner realistischer betrachtet, entdeckt man die Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Gemeinsamkeiten schweißen zusammen, die Unterschiede sind meistens das, was den Partner reizvoll und wichtig macht, denn er verkörpert das, was man selber nicht hat oder kann. So entwickelt sich Liebe und man plant eine gemeinsame Zukunft. Es wird geheiratet. Das Glück erscheint vollkommen und das Versprechen, sich ewig zu lieben, einfach zu erfüllen.

Familiengründung
Zum gemeinsamen Glück gehört meist auch ein Kind, dann ein zweites, manchmal ein drittes. Aus dem Paar ist eine Familie geworden. Die Aufgabenbereiche und die Rollenverteilung haben sich verändert und die Arbeitsbelastung wird für beide Partner immer größer. Aber man hat ja gemeinsame Ziele, für die man sich gemeinsam einsetzen kann: Man baut ein Haus, damit sich die Familie wohl fühlen kann. Die Kinder sollen zu ordentlichen Menschen erzogen werden. Man will beruflich weiter kommen, weil man der Familie ein bisschen Wohlstand ermöglichen will. Das alles schaffen die beiden Partner ganz gut. Triebfeder dazu ist die Liebe zueinander und zu den Kindern.

Elternschaft vs. Partnerschaft
Aber schleichend und unmerklich verändert sich etwas, manchmal langsamer, manchmal schneller. Die Sorge um Kinder und Haushalt nimmt die Frau voll in Anspruch. Ist sie auch noch berufstätig, ist sie dreifach belastet. Der Mann, der ja auch sein Möglichstes zum Wohl der Familie tut, fühlt sich vernachlässigt. Beide fühlen sich vom anderen nicht mehr angemessen gewürdigt und bestätigt. Die Paarbeziehung wird immer seltener gepflegt, beide sehen sich mehr als Eltern denn als Mann und Frau. Die Liebe schwindet, das sexuelle Interesse lässt nach. Was allenfalls noch bleibt, sind Pflichterfüllung und Verantwortung. Wichtige Bedürfnisse können nicht mehr befriedigt werden. Die Gefahr ist groß, dass einer der Partner aus der Ehe ausbricht, entweder heimlich (Fremdgehen) oder offen (Trennung), auf der Suche nach dem, was die Ehe ihm nicht mehr bietet, und in der Hoffnung, es anderswo zu finden.

Lost nest
Die Kinder werden größer und selbständiger und gehen ihre eigenen Wege. Plötzlich bemerken die Ehepartner, dass sie immer häufiger alleine und aufeinander angewiesen sind. Wenn nicht früher schon einer der Partner seine eigenen Wege gegangen ist, haben sie jetzt viel mehr Zeit miteinander, die sie eigentlich genießen könnten, aber sie haben sich nichts mehr zu sagen, keine gemeinsamen Hobbys, keine gemeinsamen Pläne mehr. Der Alltag besteht aus Gewohnheit und Langeweile. Kommunikation beschränkt sich häufig darauf, dem anderen Vorwürfe zu machen und ihm die Schuld an dem Zustand zu geben. Die Unterschiede zwischen den Partnern, die ursprünglich die Anziehung begründet haben , werden jetzt zum Anlass für Streit und Unvereinbarkeit oder Rückzug und Resignation.
Hinzu kommt, dass diese Phase in einen Altersabschnitt fällt (zwischen 40 und 50), der allgemein als Midlife-Krise bekannt ist. Der Einzelne fragt sich, ob das nun alles im Leben gewesen ist, ob es nun die nächsten 30 oder 40 Jahre so weitergehen soll. Das scheint unerträglich.
Und wie steht es um die Liebe? Ja, da war mal was. Aber das wurde unter dem Schutt von Arbeit und Stress, Alltag und Gewohnheit, Streit und Entwertung vergraben. Kaum vorstellbar, dass es wieder freigelegt werden kann.

 

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Copyright 2011 Dipl. psych. Ingeborg Prändl