Lebenslange Partnerschaft-ein Auslaufmodell?

Manche behaupten, die lebenslange Partnerschaft sei ein Auslaufmodell, sie passe nicht mehr in unsere schnelllebige Zeit, in der Flexibilität und Veränderung oberste Priorität haben. Die realen Zahlen sprechen auch dafür: ein Drittel aller Ehen werden wieder geschieden, bei Zweit- und Drittehen ist der Anteil noch höher, ganz zu schweigen von den nichtehelichen Partnerschaften.
Andere schlagen vor, die Ehe solle mit einem Verfallsdatum von 7 oder 10 Jahren versehen werden, nach dessen Ablauf sie nicht mehr genießbar ist und ganz einfach aufgelöst werden kann. Gar nicht so dumm, oder? Das würde erhebliche Kosten und Ärger sparen.
Stellen Sie sich einmal folgendes Scenario vor:
Heiko(28) und Melanie(25) stehen am Anfang ihrer Beziehung. Befragt nach ihren Zukunftsplänen erzählen sie: „Nun, wir lieben uns, wollen uns für die nächsten zehn Jahre ein gemeinsames Leben aufbauen und Kinder haben, und wenn die Kinder dann alle zur Schule gehen, werden wir uns trennen und jeder seine eigenen Wege gehen.“
Heiko erklärt weiter: „Ich werde mich dann in eine Jüngere verlieben, die keinen Anhang hat und mit der ich dann meine Reiselust ausleben kann. Finanziell sollte sie auch gut gestellt sein, denn Reisen kostet Geld und für meine Kinder aus erster Ehe muss ich ja auch noch bezahlen. “ Und Melanie meint: „Ich werde mich dann in einen Mann verlieben, der meine Vorliebe für Meditation, Yoga und alles Spirituelle teilt. Mit unseren vier Kindern (2 aus meiner und 2 aus seiner Erstehe) werden wir eine wunderbare große Patchworkfamilie haben.“
Das wird dann vielleicht wieder für die nächsten 10 Jahre gut gehen, bis die nächste Veränderung ansteht.
Heiko meint: „Ich werde mich dann von meiner Partnerin trennen, weil sie Kinder will und ich keine.“ Melanie sagt: „Die Ehe mit meinem Partner wird mir auf Dauer zu langweilig werden. Ich will nach so viel Einsatz für die Familie noch etwas erleben, ein bisschen Kick und Abenteuer, und suche mir einen Jüngeren. Den werde ich zwar nicht finden – allenfalls für eine Nacht – weil ich doch schon etwas in die Jahre gekommen sein werde, aber dann werde ich mich mit meinem Single-Leben arrangieren, die wahre Selbstverwirklichung leben und die Einsamkeit ertragen.“

Könnten Sie sich so eine Lebensplanung vorstellen? Ist doch toll! Für jedes Bedürfnis, für jeden Lebensabschnitt die dazu passende Partnerschaft. Ist doch aufregend, abwechslungsreich und immer wieder interessant. Hat aber seine Tücken.

Drehen wir die Zeit jetzt einfach um 40 Jahre weiter und sehen uns an, was aus Heiko und Melanie geworden ist.
Heiko: „Meine Ehe mit Melanie war die ersten Jahre sehr schön, wurde aber immer mehr zu Routine und Langeweile. Nur noch Arbeit, Kinder, Familie, keine Abwechslung, kaum mehr Sex, eine Menge Schulden auf dem Haus. Als ich Karin kennenlernte, fühlte ich mich wie neu geboren. Sie war jung und unbeschwert und gab mir das Gefühl, ein Mann zu sein. Die ersten Jahre mit ihr waren toll, obwohl das mit dem Reisen nicht so klappte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich musste das Haus unter Wert verkaufen, um die Schulden zu tilgen, und da blieb nicht mehr viel übrig. Meine Kinder kamen alle zwei Wochen am Wochenende zu uns. Zunächst ging das ganz gut, aber Karin wurde immer eifersüchtiger auf meine Ex-Familie. Sie lag mir ständig in den Ohren, sie wolle eigene Kinder mit mir. Diese Lebensphase war aber für mich abgeschlossen. Ich hatte ja bereits Kinder. Schließlich verließ sie mich und wurde kurz darauf schwanger. Das tat weh und ich brauchte lange, bis ich mich wieder auf eine Beziehung einlassen konnte. Heute bin ich 68, seit drei Jahren in Rente und habe eine Fernbeziehung zu einer Frau, die ich im Internet kennengelernt habe. Sie ist Witwe, wohnt in einer anderen Stadt und will ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Wir schreiben uns Emails und treffen uns gelegentlich zu gemeinsamen Unternehmungen. Ich frage mich manchmal, wie es sein wird, wenn ich älter werde.“
„Melanie: „Es hat mich tierisch gekränkt, als ich draufkam, dass mich Heiko mit der 26-jährigen Karin betrügt. Ich habe mich bei Bernd, meinem Yoga-Lehrer, ausgeweint und es wurde mehr daraus. Er war sehr einfühlsam und hat mich verstanden. Aber bald nach der Hochzeit merkte ich, dass eine Familie mit vier Kindern sehr anstrengend ist. Zudem machte Bernds Frau ständig Stress wegen dem Sorgerecht und mischte sich in alles ein. Bernd konnte und wollte sich nicht gegen sie durchsetzen. Er war einfach ein Weichei. Als die Kinder dann fast erwachsen waren und ihre eigenen Wege gingen, wollte ich nur noch weg. Ich wollte wieder Leben spüren und Versäumtes nachholen. Ich ging häufig mit Freunden weg, lernte den 30-jährigen Jens kennen und verliebte mich total in ihn. Er gab mir das Gefühl, noch jung und begehrenswert zu sein. Aber er hat mich nur benutzt und fallengelassen. Danach hatte ich noch einige kurze Beziehungen, die aber irgendwie immer im Sande verliefen. Jetzt bin ich 65 und lebe allein. Ich würde gerne Reisen machen, aber dafür reicht meine knappe Rente nicht aus. „

Es hätte auch ganz anders kommen können:

Melanie: “Als ich bemerkte, dass Heiko mich mit Karin betrog, war ich tief gekränkt, war aber plötzlich auch hellwach. Mir wurde klar, unsere Ehe steckt schon lange in einer tiefen Krise. Auch ich selbst steckte in einer tiefen Krise. Am liebsten hätte ich auf Grund dieser Verletzung und Demütigung sofort meine Koffer gepackt und wäre abgehauen. Aber da waren ja noch die Kinder. Und dann wollte ich diesen Mann und das Leben mit ihm auch nicht so einfach verlieren. Ich stellte Heiko zur Rede und wir stritten fürchterlich. Wir warfen uns gegenseitig Vorwürfe an den Kopf, und jeder gab dem anderen die Schuld, dass es so kommen musste. In meiner Not suchte ich einen Eheberater auf. Der half mir zunächst, mein eigenes Gefühlschaos zu ordnen und ein gewisses Verständnis für Heikos Verhalten aufzubringen. Schließlich brachte er es sogar fertig, Heiko mit in die Eheberatung zu holen.“
Heiko:“Für mich war es nicht ganz einfach, in eine Eheberatung zu gehen. Ich wollte ja nichts an meiner Situation ändern. Ich hatte auf der einen Seite meine Familie und auf der anderen Seite das Abenteuer mit Karin. Natürlich hatte ich auch Schuldgefühle Melanie gegenüber, aber die wurden wett gemacht durch den Spaß, den ich mit Karin hatte. Ich hatte Angst davor, der Eheberater würde mich zum „bösen Buben“ stempeln und von mir verlangen, sofort in den heimischen Hafen zurückzukehren. Und das alles würde eine Menge Geld kosten und letztlich zu nichts führen.
Aber es kam anders….

Heute sind wir beide in Rente und genießen unser Leben. Wir schauen mit Stolz auf das zurück, was wir uns gemeinsam geschaffen haben. Unsere beiden Kinder haben sich prächtig entwickelt und freuen sich, Eltern wie uns zu haben. Unser Haus, in dem mittlerweile unser Sohn mit seiner Familie wohnt, ist längst abbezahlt. Wir selbst wohnen in einer kleinen Eigentumswohnung. Das genügt uns, denn wir sind viel auf Reisen. Das hat sich seit langem zu einem gemeinsamen Hobby von uns entwickelt. Dabei interessiere ich mich mehr für die Landschaft, das Wandern, die Natur und die Geologie, während Melanie sich eher mit der Kultur und den Bräuchen fremder Völker beschäftigt. Wir ergänzen und da hervorragend.
Manchmal erinnern wir uns an unsere Krise von damals und sind froh darüber. Sie hat uns die Augen geöffnet für unsere eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Möglichkeiten und für die des anderen. Sie hat uns gelehrt, Verständnis und Toleranz für den anderen aufzubringen und ihn in seiner Weiterentwicklung zu unterstützen. Und wir haben vor allem erkannt, dass wir einmal viele gute Gründe hatten, uns füreinander zu entscheiden, und dass wir viele gute Gründe haben, es nochmal miteinander zu versuchen.
Melanie hat mir die Affäre mit Karin verziehen, ja sie hat sie sogar toleriert bis mir klar wurde, dass ich das, was ich eigentlich suchte, auch bei Melanie finden konnte. Vielleicht war es ein kleines bisschen Rache, zumindest aber ein gerechter Ausgleich, als sie Jahre später sehr viel Zeit mit ihrem Yogalehrer verbrachte. Ich weiß nicht, was die beiden da gemacht haben, es interessiert mich auch nicht wirklich, jedenfalls hat sie daraufhin jahrelang selbst Yoga- und Meditationskurse gegeben und damit einiges zum Familieneinkommen beigetragen.“
Melanie:“Unser Leben war nicht immer leicht, aber es war „rund“. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber wir konnten uns verständigen. Wir haben unsere Gemeinsamkeiten gepflegt und unsere Unterschiedlichkeit akzeptiert, ja sogar genutzt, um vom anderen zu lernen. Unsere Partnerschaft war für uns und unsere Kinder der konstante Fixpunkt, von dem aus viele neue Entwicklungen möglich wurden. Deshalb war sie immer interessant und spannend. Und ich hoffe, wir können sie noch einige Jahre genießen.“

 

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