Ist der Mensch monogam?

Im Tierreich ist lebenslange Monogamie eher die Ausnahme. Und auch bei scheinbar monogamen Arten kommen gelegentlich "Seitensprünge" vor, was durchaus im Sinne der Verbesserung des Genmaterials ist.
Betrachtet man den Menschen als biologisches Wesen, so kann man davon ausgehen, dass er sicher nicht zu den monogamen Arten gehört. Das bestätigt auch die Realität. Eine Verhaltensweise, die sich ungünstig auf die Arterhaltung auswirkt, wäre über die Jahrzehntausende längst durch Selektion verschwunden. Polygamie aber hat es zu allen Zeiten gegeben, teilweise gesellschaftlich geduldet oder sogar erwünscht, wenn nicht erlaubt in jedem Fall heimlich.
Andererseits hat Monogamie durchaus ihren biologischen Sinn. Die Aufzucht der Jungen nimmt beim Menschen einen sehr langen Zeitraum in Anspruch und erfordert einen hohen Einsatz. Für diese Zeitspanne ist ein stabiler, verlässlicher familiärer Rahmen notwendig. Der Mann muss sich sicher sein können, dass er nicht fremde "Kuckuckskinder" mitversorgen muss, und die Frau muss sich sicher sein können, dass der Mann seinen Versorgungseinsatz nur für die eigenen gemeinsamen Kinder leistet und nicht irgendwann verschwindet. Eine monogame Beziehung ist Voraussetzung für diese Verlässlichkeit.
So gesehen bringt die Monogamie keinen biologischen Sinn mehr, wenn die Kinder flügge sind. Wenn gar kein Nachwuchs vorhanden ist, wäre sie von vorn herein unnötig.
Der Mensch ist aber auch ein soziales und kulturelles Wesen. Paarbildung beim Menschen hat nicht nur den Zweck, Nachkommenschaft zu erzeugen. Beziehungen werden eingegangen, um gemeinsam Lebensziele zu erreichen, ökonomische Sicherheit zu erlangen, Geborgenheit und Zugehöigkeit, Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit zu finden. Natürlich wäre das auch in einer anderen sozialen Konstellation möglich, aber die Zweierbeziehung entspricht nun mal einem Grundbedürfnis der meisten Menschen. Die Zweierbeziehung ermöglicht die größtmögliche Geborgenheit und Intimität (zumindest im Idealfall). Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit sind notwendig, um gemeinsam etwas aufzubauen, Lebensziele umzusetzen und damit Zufriedenheit und Sinn im Leben zu erlangen. Das lässt sich am besten in einer dauerhaften, festen Zweierbeziehung umsetzen. Man könnte es als soziale Monogamie bezeichnen. Sexuelle Monogamie trägt zu dieser Verbindlichkeit bei, denn jeder befriedigende sexuelle Kontakt führt zur Ausschüttung von Bindungshormonen (und damit sind wir wieder bei der Biologie), wodurch das Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt wird.
Allerdings kann Monogamie ihre beziehungsfördernde Wirkung nur dann entfalten, wenn sie freiwillig ist. Zwang zur Monogamie bewirkt oft das Gegenteil. Der Mensch als sexuelles Wesen fühlt sich nun mal generell von den Reizen des anderen (manchmal auch des gleichen) Geschlechts angesprochen, der eine mehr, der andere weniger. D.h. polygame Bedürfnisse müssen prinzipiell in einer Zweierbeziehung einkalkuliert werden. Ob und wie weit polygames Verhalten in einer Beziehung geduldet werden kann, muss zwischen den Partnern ausgehandelt werden. Ob eine außereheliche Beziehung die urspüngliche Zweierbeziehung beeinträchtigt, gefährdet oder vielleicht sogar stabilisiert, hängt von vielen Faktoren ab. Siehe hierzu auch: Untreue

 

Diese Seite drucken

Copyright 2011 Dipl. psych. Ingeborg Prändl