Die "ideale" Partnerschaft

Ob eine Sache als gut oder schlecht erlebt wird, hängt hauptsächlich von den Erwartungen ab, die man daran hat. Je mehr der Ist-Zustand von den Erwartungen abweicht, umso schlechter fühlt man sich.

Zu Beginn einer Paarbeziehung sind die Erwartungen an die gemeinsame Partnerschaft in der Regel unrealistisch überhöht und idealisiert. Die Verliebtheit macht blind für die Ecken und Kanten des Partners/der Partnerin und die Schwierigkeiten und Konflikte, die das Leben zwangsläufig für ein Paar bereithält. Wahre Liebe scheint allen Widrigkeiten standzuhalten und alle Probleme überwinden zu können.
Verliebtheit ist notwendig, denn sie macht Paarbindung überhaupt erst möglich und gibt ihr Sinn. Verliebtheit eröffnet dem Paar eine Vision davon, wie die gemeinsame Paarbeziehung idealerweise sein könnte.
Diese Vision beinhaltet
- dauerhafte ewig währende Liebe
- nie erlöschende sexuelle Leidenschaft
- immer währende Treue
- Gleichberechtigung von Mann und Frau
- gleiche Verteilung aller Aufgaben, Rechte und Pflichten
- harmonisches und konfliktfreies Zusammenleben
- dabei bestmögliche Selbstverwirklichung
- und nicht zuletzt größtmögliches persönliches und gemeinsames Glück.

Diese Sehnsucht nach ewigwährendem Liebesglück ist tief im Menschen verwurzelt und wird genährt von zahlreichen Liebesgeschichten in Romanen und Filmen, man denke nur an Casablanca, Doktor Schiwago oder Titanik. Aber diese Geschichten enden meist dort, wo der Alltag beginnt. Mehr noch: Ewig währende Liebe scheint es nur zu geben, wenn sie keine Chance hat, ihre Alltagstauglichkeit zu beweisen. Man stelle sich nur vor, Jack hätte den Untergang der Titanik überlebt und Rose tatsächlich geheiratet. Wie lange hätte es wohl gedauert, bis sich die Liebesgeschichte zum Beziehungsdrama gewandelt hätte?

Kein Wunder, dass derartig hohe Erwartungen zu Enttäuschungen führen müssen, denn sie sind mit den Anforderungen der Realität nicht vereinbar. Ist Verliebtheit und die damit zusammenhängende Vision von glücklicher Paarbeziehung das einzige tragende Element einer Partnerschaft, so verwundert es nicht, dass viele Paarbeziehungen an der Erfüllung dieser Erwartungen scheitern. Die Paarbeziehung zerbricht, und meist wird das Heil und die Erfüllung der Vision in einer neuen Partnerschaft gesucht – mit ähnlichem Misserfolgsrisiko. Leider folgt die neue Beziehung den gleichen Regeln wie jede Partnerschaft. Die Hormonflut der Verliebtheit ebbt mit der Zeit ab, meist sogar etwas schneller als bei der ersten Partnerschaft. Der neue Partner wird als ganz normaler Mensch mit Ecken und Kanten sichtbar, vielleicht sogar mit ähnlichen wie der ehemalige Partner.

Da erscheint es doch besser, die Erwartungen zu überdenken und zu revidieren und die Vision als solche zu verändern, was durchaus lohnenswert sein kann und der persönlichen Glückserwartung entgegenkommen kann.

Die "ideale" Partnerschaft gibt es nicht, genauso wenig wie den "idealen" Partner. An der "idealen" Partnerschaft muss von beiden Partnern ein Leben lang gearbeitet werden. Das erfordert v. a. gegenseitigen Respekt, Toleranz und Kompromissbereitschaft, den Willen zu anhaltender Kommunikation, aber auch Konfliktfähigkeit und den Mut zu Auseinandersetzungen. Und nicht zuletzt bedeutet es die Besinnung auf realistischere Erwartungen:
-Liebe darf nicht mit Verliebtheit verwechselt werden.(siehe auch...) An dauerhafter Liebe muss ständig "gearbeitet" werden, sie muss sich immer wieder neu "beweisen".
- Die sexuelle Leidenschaft lässt zwangsläufig mit den Jahren nach. Man kann sich aber die Attraktivität für den Partner/die Partnerin erhalten, wenn man sich darum bemüht, für den anderen immer interessant zu bleiben, und das hat nicht ausschließlich mit Sex und äußerer Erscheinung zu tun.
- Man sollte Treue nicht ausschließlich auf sexuelle Treue reduzieren. Menschen sind nun mal anfällig für die Reize des anderen Geschlechts , und da lässt sich ein Seitensprung nicht per Versprechen gänzlich ausschließen. Treue bedeutet vielmehr Loyalität, zum anderen stehen, gemeinsame Ziele verfolgen und sich auf den anderen verlassen können. So gesehen kann Treue immer währen, und auch ein "Ausrutscher" wird nicht zur Katastrophe.
- Gleichberechtigung sollte immer ein prinzipielles Ziel sein, lässt sich aber im Alltag nicht immer verwirklichen, allein schon deshalb, weil Mann und Frau (ja überhaupt zwei verschiedene Menschen) unterschiedliche Bedürfnisse haben und unterschiedliche Aufgaben in der Familie und im Lebenszyklus erfüllen. Das führt zwangsläufig zu (zeitweisen) Ungerechtigkeiten. Entscheidend ist, dass Geben und Nehmen auf lange Sicht im Gleichgewicht bleiben.
- Genauso illusorisch ist die gleiche Verteilung aller Aufgaben, Rechte und Pflichten. Sinnvoller wäre es, eine gleiche Verteilung der aufgewendeten Zeit für alle anstehenden Aufgaben anzustreben. Jeder tut das, was er besser kann und - was vielleicht das Wichtigste ist - respektiert und würdigt den Einsatz und die Arbeit des anderen.
- Eine allzeit harmonische und konfliktfreie Partnerschaft stirbt über kurz oder lang den Langeweile-Tod. Oder alles, was im Laufe der Zeit unter den Teppich gekehrt wurde, kommt plötzlich zur Explosion - mit katastophalen Folgen. Meinungsverschiedenheiten, Auseinandersetzungen und Konflikte beleben die Beziehung, vorausgesetzt sie werden mit Offenheit, Respekt und Einfühlungsvermögen ausgetragen.
- Die bestmögliche Selbstverwirklichung gibt es nur für den Single. Sobald man eine Beziehung zu einem anderen Menschen eingeht, muss man sich bewusst sein, dass man auch in dieser Hinsicht Kompromisse eingehen muss. Andererseits ist Selbstverwirklichung, wenn sie vom Partner unterstützt wird, eine wichtige Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft. Nur wer selbst mit sich und seinem Leben zufrieden ist, ist in der Lage, auch glücklich mit dem Partner zu sein.
- So kommt man mit etwas realistischeren Erwartungen doch schließlich zu dem Ziel, das größtmögliche persönliche und gemeinsame Glück zu erlangen, was aber nicht bedeutet, dass man dann aufhören kann, an der Beziehung zu arbeiten.

 

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